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Die Bergstadt Wildemann verdankt ihren Namen einer bei ihr
gelegenen alten Grube, "Wilder
Mann" genannt, die ihrerseits
wieder diese Bezeichnung nach der mythisch - symbolischen Gestalt des
mit
Fichtengrün und einer Mooskappe bekleideten Wilden Mannes
empfangen hatte.
Vom Wilden Mann erzählt folgende Sage:
"Als die ersten
Bergleute in den Harz kamen und von Zellerfeld aus in die Umgegend
gingen,
um Erze zu suchen, kamen sie auch in das Innerstetal, da, wo jetzt die
Bergstadt Wildemann liegt. Die Innerste war gerade
hoch gewesen und hatte einige Gänge aufgewaschen. Die fanden
die
Bergleute. Dabei gerieten sie aber auch auf eine Menschenspur, die im
Innersteschlamm zu
sehen war. Die Bergleute wussten, dass keine Menschen weiter im Harze
waren als
sie. Deshalb suchten sie weiter und sahen bald darauf einen Mann und
ein Weib
in der Nähe der Gänge. Beide liefen nackend, beide
hatten Mooskappen
auf dem Kopfe und einen Laubgürtel um den Leib. Wenn ihnen die
Bergleute nahe
kamen, rannten sie fort, so scheu und wild waren sie, und sie
verstanden auch nicht, wenn
sie gerufen wurden. Oft machten die Bergleute auf die beiden Jagd, doch
sie
erwischten sie nie. Deshalb gaben sie ihrem Herrn, dem Herzog von
Braunschweig,
Nachricht davon, und der liess sagen, sie möchten die wilden
Menschen
fangen, mit Schlingen oder mit Bogen und Pfeil, sie aber am Leben
lassen und dann nach
Braunschweig schicken. Die Bergleute gaben sich alle mögliche
Mühe, die
Menschen zu fangen, es misslang aber stets. Endlich verwundeten sie den
Mann so, dass er nicht
fortkonnte, und dadurch fingen sie ihn. Das war keine Kleinigkeit. Was
das
für ein Kampf war, kann man gar nicht erzählen. Denn
er war gross und stark.
Er hatte einen langen, dicken Bart. In der Hand trug er als Waffe einen
starken
Tannenbaum. Er nährte sich mit seinem Weibe von Beeren und
Wildfleisch. Dabei konnten
sie furchtbar schnell laufen, waren gelenk wie Eidechsen und stark wie
Riesen.
Als sie den Wilden Mann gefangen hatten, sollte er arbeiten, er tat's
aber
nicht. Man fragte ihn, woher er wäre und was er getan
hätte, er
antwortete aber nicht. Essen und Trinken rührte er nicht an.
Er sah nur immer nach der
Gegend hin, wo die Gänge waren, als könne er sich
nicht davon trennen. Da nun der
Mann durchaus stumm war und blieb und auch kein Wort verstehen wollte
oder konnte,
so schickte man ihn nach Braunschweig zum Herzog. Der Herzog bekam ihn
aber
nicht zu sehen, denn unterwegs starb er. An diesem Tage gruben die
Bergleute an
der Innerste das erste Erz auf. Das war sehr reich an Silber. Die erste
Grube
daselbst wurde „der alte Wildemann“
(später
„Ernst August“) genannt."
Wahrscheinlich hatte der Wilde Mann, so lange er lebte, die
Gänge taub gemacht. Trotzdem pflanzte man zu seinem Andenken
an der Stelle, wo er
gefangen worden war, eine Linde, baute sich da an und nannte den Ort
Wildemann.
Das Bild des Wilden Mannes wurde in das Stadtsiegel aufgenommen. Die
Linde
steht jetzt noch vor dem Rathaus. Sie ist aber ganz hohl. Darin sind
aber drei
Junge Linden empor gewachsen, die stützen und erneuern die
alte.
(Aus :Fr. Sieber, Harzland - Sagen. Jena 1928. )
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